Oskar Kokoschka-Platz - Marxergasse

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Wien: Oskar Kokoschka-Platz - Marxergasse
Einstellungsdatum: 1958 (Linienbetrieb bis 22.03.1945, Kuppelstelle Kopalplatz zu besonderen Anlässen bis 1957)
Linie: zuletzt 80, davor K und H sowie 77
Ort: 1010 Wien, Oskar Kokoschka-Platz (1. Bezirk) sowie 1030 Wien, Marxergasse (3. Bezirk)
Status: noch vorhanden
Ausschnitt eines Gleisplans mit der irrtümlich noch eingezeichneten Strecke Kopalplatz - Marxergasse (November 1959)
Marxergasse Nr. 3: durch den bröckelnden Asphalt ist eine Schiene sichtbar geworden (1990er-Jahre)
Bauarbeiten am Oskar-Kokoschka-Platz (früher Kopalplatz), Blickrichtung stadtauswärts (09.06.2004)
Bauarbeiten am Oskar-Kokoschka-Platz (früher Kopalplatz), Blickrichtung stadteinwärts (09.06.2004)

Die Straßenbahnstrecke vom Stubenring über den Oskar-Kokoschka-Platz (bis 1980 Kopalplatz genannt[1]) und die Marxergasse ist nach der Einführung des Liniensignalschemas im Jahr 1907 zunächst von der Linie K befahren worden, danach von 1917 bis 1931 von der Linie H, und zuletzt von 1931 bis 1945 von der Linie 80, mit der man damals noch ohne Umsteigen von der Innenstadt zum Lusthaus fahren konnte. Zusätzlich verkehrte von 1907 bis 1918 sowie fallweise in den Jahren 1921 bis 1931 die Linie 77 zu Betriebsbeginn, zu Betriebsschluss oder zu besonderen Anlässen zwischen dem Kopalplatz und der Friedensgasse.[2]

Durch die Bombenangriffe gegen Ende des zweiten Weltkrieges wurde die Strecke stark in Mitleidenschaft gezogen und am 22. März 1945 zum letzten Mal von der Linie 80 befahren. Viele seriöse Quellen geben als Datum der Streckensperre für den Bereich nach dem Kopalplatz (die dortige Kuppelstelle blieb noch länger in Verwendung) den 14. Oktober 1946 an[3], doch mittlerweile steht fest, dass die Strecke durch die Marxergasse später wieder betriebsfähig gemacht und erst im Jahr 1958 endgültig gesperrt worden ist. Die ungewöhnliche Geschichte dieser Strecke in den Jahren nach dem Krieg ist leider kaum dokumentiert und bedarf weiterer Forschungsarbeit.

Die Geschichte dieser Strecke in der Zeit nach dem Kriegsende ist eng mit jener der 1941 eingestellten Linie 4 durch die Rochusgasse, Kundmanngasse, Sechskrügelgasse und Rasumofskygasse verbunden. Fest steht, dass nach dem Krieg die Gleise beider Strecken zwar vollständig vorhanden waren, jedoch fehlte die Fahrleitung[4] – möglicherweise war das Material zur Wiederherstellung wichtigerer kriegsbeschädigter Straßenbahnstrecken abgebaut worden. In der ersten Hälfte der 1950er-Jahre ist dann auch wieder die Fahrleitung bei beiden Strecken montiert worden.

In den von Dr. Helmut Aigner herausgegeben Jahresberichten findet man in der Ausgabe des Jahres 1955[5] eine interessante Anmerkung beim Punkt F. "Kritik":

1. Vorschläge zur Verbesserung der Linienführung, der Fahrpläne und der Wagenbeistellung.

Hinsichtlich der Linienführung wären folgende Änderungen zu erwägen:

[...] Das seinerzeit durch Stadtrat Nathschläger gemachte Versprechen, <3>, <4> und <15> wieder einzuführen und <80> bis Kopalplatz - Stubenring zu verlängern, sollte erfüllt werden. Besonders dringlich sind <4> und <80>, da die Strecke 78 [Radetzkystraße - Löwengasse, Anm.] in den Spitzenzeiten stark überlastet ist [...]

Offenbar war zu diesem Zeitpunkt die Betriebsfähigmachung zumindest der Strecke der Linie 4 sowie jener in der Marxergasse bereits abgeschlossen, und die Wiener Verkehrsbetriebe warteten wohl nur noch auf die politische Entscheidung zur erneuten Betriebsaufnahme, die aber nie kam.[6]

Die Strecke der früheren Linie 4 blieb jedenfalls noch bis 1961 (der Abschnitt in der Kundmanngasse noch bis 1973) als Betriebsstrecke erhalten und wurde in dieser Zeit auch gelegentlich befahren. Und auch das stadteinwärtige letzte Stück der hier dokumentierten Strecke am Kopalplatz (dem späteren Oskar-Kokoschka-Platz) wurde im Zentralfriedhofsverkehr – vor allem zu Allerheiligen – noch bis 1957 zum Wenden der Linie 74 verwendet. Doch die Nutzung der restlichen Strecke durch die Marxergasse von der Instandsetzung bis zur endgültigen Sperre im Jahr 1958 ist rätselhaft. Belege über eine etwaige Befahrung gibt es keine, doch der Sohn eines Hobby-Straßenbahnfotografen erinnert sich an ein vermutlich 1954 oder 1955 entstandenes Foto aus dem später leider gänzlich verloren gegangenen Archiv seines Vaters, das eine der damals neuen T2-c2-Garnituren auf der Linie O auf Höhe der Station Marxergasse zeigte (von vorne aufgenommen mit Blickrichtung Invalidenstraße). Auf der linken Seite dieses Fotos war seiner Erinnerung zufolge in der Marxergasse eindeutig die Vorderfront eines Triebwagens der Type M zu erkennen. Möglicherweise handelte es sich dabei um eine störungsbedingte Umleitung, die aber derart kurzfristig war, dass darüber keine Aufzeichnungen entstanden sind.[7]

Die endgültige Sperre der Strecke durch die Marxergasse erfolgte schließlich im Jahr 1958 (das genaue Datum ist nicht bekannt), gemeinsam mit der noch bis ins Jahr davor verwendeten Kuppelstelle beim stadtseitigen Streckenende am Kopalplatz.

Die Gleisreste in der Marxergasse sind zumindest bis in die 1970er-Jahre[8] über weite Strecken sichtbar erhalten geblieben, bevor sie mit einer Asphaltschicht überdeckt wurden. Im Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek findet man mit dem Suchbegriff "Marxergasse" vier im Februar 1969 aufgenommene Fotos, die die damals in diesem Bereich noch vollständig sichtbaren Gleise zeigen.

Heute dürfte zumindest im Bereich zwischen Unterer Viaduktgasse und Kollergasse sowie am Kopalplatz ein großer Teil der Strecke noch unter dem Asphalt vorhanden sein. Irgendwann in den 1990er-Jahren – siehe dazu das erste Foto – ist auf Höhe der Marxergasse Nr. 3 (bei der Unteren Viaduktgasse) durch das Abbröckeln des Asphalts ein längeres Schienenstück zum Vorschein gekommen. Im Jahr 2001 kam bei Bauarbeiten in der Marxergasse im Bereich zwischen Unterer Viaduktgasse und Kollergasse ein vier Meter langes Gleisstück zu Tage.[9] Und im Juni 2004 sind die Straßenbahngleise bei Bauarbeiten am Kopalplatz vorübergehend freigelegt worden. Vermutlich sind die Schienen damals nicht entfernt, sondern lediglich mit einer neuen Asphaltschicht überdeckt worden.

Bilder vom Betrieb

Von der Kuppelendstelle am Kopalplatz gibt es einige Fotos, so z.B. in den Büchern "Wiener Straßenbahnlinien 71 bis 82" von Peter Macho[10] und "Die Tramway auf der Landstraß'n und in Simmering" von Heinz Fink[11].

Von der restlichen Strecke durch die Marxergasse gibt es nur sehr wenige Betriebsfotos. Lediglich zwei Fotos sind bekannt, die Straßenbahnfahrzeuge auf der "Großen Marxerbrücke" (dem heute nicht mehr als Brücke über die Eisenbahngleise erkennbaren Bereich zwischen Invalidenstraße und Gigergasse) zeigen:

  • Ein im Jahr 1910 aufgenommenes Foto der Linie K, abgebildet in der 2. Auflage des Buches "Eingestellte Straßenbahnlinien in Wien" von Hans Lehnhart.[12]
  • Ein aus einem höhergelegenen Stockwerk des Hauses Invalidenstraße 1 aufgenommenes Foto mit Blickrichtung stadteinwärts, das im Rahmen einer Ausstellung im Bezirksmuseum Landstraße zu sehen war.

Der Bereich der Marxergasse östlich der Invalidenstraße gehört zu den wenigen Wiener Straßenbahnstrecken, von denen es nach derzeitigem Wissensstand kein einziges bekanntes historisches Betriebsfoto gibt. Wer eigene Fotos besitzt oder Hinweise auf weitere Fotos geben kann, möge diese bitte hier veröffentlichen.



Erreichbar mit der Straßenbahnlinie O (Haltestelle Marxergasse) oder mit diversen Linien (U3, U4, S-Bahn, 74A) ab Wien-Mitte mit anschließendem kurzen Fußmarsch.

Einzelnachweise

  1. Wien Geschichte Wiki, abgerufen am 28. Mai 2018
  2. Hans & Peter Lehnhart: Eingestellte Straßenbahnlinien in Wien. 3. Auflage (2009), Phoibos Verlag, S. 21, 27, 39, 61 und 62.
  3. Krobot, Slezak, Sternhart: Straßenbahn in Wien - vorgestern und übermorgen. 2. Auflage (1972/1983), Verlag Josef Otto Slezak, S. 343
  4. Stadtverkehr in Österreich-Diskussionsliste, Bericht von K.H. im Jahr 2004
  5. Dr. Helmut Aigner: Jahresberichte der Wiener Verkehrsbetriebe, Jahrgang 1955
  6. Stadtverkehr in Österreich-Diskussionsliste, Bericht von K.H. im Jahr 2004
  7. Stadtverkehr in Österreich-Diskussionsliste, Bericht von F. im Jahr 2004
  8. Heinz Fink: Die Linie 80 - der "Dschungelexpress". E-Verlag und Vertrieb Norbert Schmid, Fachverlag für Verkehrswesen, 1. Auflage 1999, S. 9 und 11
  9. Das Straßenbahnjournal: Forum - Meldung 58 vom 11.06.2001, abgerufen am 28. Mai 2018
  10. Peter Macho: Wiener Straßenbahnlinien 71 bis 82. Verlag Hildegard Sedlacek-Modellstraßenbahnen, 2012.
  11. Heinz Fink: Die Tramway auf der Landstraß'n und in Simmering. Eigenverlag, 2007, S. 51
  12. Hans Lehnhart: Eingestellte Straßenbahnlinien in Wien. 2. Auflage (1985), Verlag Pospischil Wien, S. 20.